Was lässt uns gut sein?
Bedingungen der Menschenfreundlichkeit

 

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Es ist kein Geheimnis und hat dennoch bislang kaum zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen geführt: Menschen, die ihren Mitmenschen, insbesondere Schwächeren und Minderheiten, mit Arroganz bis Feindseligkeit oder gar Hass und Gewalt begegnen oder aber – etwa durch Alkohol oder Heroin – sich selbst zerstören, weisen in aller Regel schwere Defizite in ihrer Persönlichkeitsentwicklung auf, die meistens auf mangelnder Liebe, geringer Wertschätzung und fehlender Achtung bereits in Kindheit und Jugend – oft schon in frühester Kindheit – beruhen und durch Misserfolgserlebnisse, die selbst wiederum zu einem Gutteil aus mangelnder Förderung und Unterstützung und einem geringen Selbstwertgefühl resultieren, verschlimmert werden.

Und auch die Gründe für mangelnde Liebe, geringe Wertschätzung und fehlende Achtung seitens der Eltern sind weitgehend bekannt: Entweder haben die Eltern selbst in Kindheit und Jugend keine hinreichende Fürsorge erfahren und deshalb einfach nie gelernt, Gefühle der Zuneigung und des Mitgefühls zuzulassen und angemessen mit ihren Kindern umzugehen, oder sie werden durch die Umstände daran gehindert: Wer hart sein muss, um beruflich im Konkurrenzkampf zu überleben, oder den Kampf verloren hat und z. B. seit längerer Zeit arbeitslos oder als Unternehmer gescheitert oder finanziell in Schwierigkeiten ist, wird seinen Kindern kaum gütig, gelassen und liebevoll begegnen können.

Eine große Rolle spielt erfahrungsgemäß auch der Wertekanon einer Gesellschaft und speziell der Gesellschaftsschicht oder der Gruppe, in der man sich bewegt: Wo Geiz als geil, Gier als gut, Egoismus als vorbildlich, Betrug – insbesondere in der Oberschicht – als normal und Gewalt – insbesondere in der Unterschicht – als cool oder zumindest akzeptabel gelten, darf man sich nicht wundern, wenn Mitgefühl, Gemeinsinn, Rechtsbewusstsein, gesellschaftlicher Zusammenhalt und politisches Engagement verkümmern und Solidarität oder zumindest Kumpanei allenfalls noch innerhalb der eigenen sozialen Gruppe gedeihen.

Die Deregulierung der Märkte, insbesondere des Arbeitsmarktes und der Finanzmärkte, seit ca. 1980 und der "Sieg" des Kapitalismus bzw. der Untergang des real existierenden Kommunismus haben zur Dehumanisierung der Arbeitswelt und zur faktischen Diktatur der großen Kapitalbesitzer bzw. der Verwalter dieses Kapitals (Hedgefonds, generell Investmentfonds, Banken, sonstige Finanzmarktakteure) beigetragen. Vor allem aber haben die scheinbaren Segnungen der Deregulierung (Senkung der Arbeitslosigkeit durch Schaffung von befristeten Stellen sowie Leiharbeit-, Niedrigstlohn- und Minijobs einerseits, riesige Spekulationsgewinne von Kapitalbesitzern andererseits) den beschriebenen Wertewandel beschleunigt, indem sie Gier, Rücksichtslosigkeit und Betrug als legitime Mittel zur Mehrung des eigenen Wohlstands im Bewusstsein breiter Bevölkerungsschichten verankerten. Viele Manager und Unternehmer, aber auch etliche Politiker, die politische Ämter nicht zuletzt als Möglichkeit zum finanziellen Aufstieg ansahen und immer noch ansehen, gingen und gehen dabei mit schlechtem Beispiel voran und nehmen sich, was sie kriegen können.

Letztlich bedroht eine solche Einstellung die Demokratie, vom Sozialstaat ganz zu schweigen, denn eine Demokratie ist ohne Gemeinsinn, Solidarität und Engagement und ohne das begründete Vertrauen der Bürger in die Redlichkeit ihrer gewählten Repräsentanten nicht auf Dauer lebensfähig. Das Beispiel Ungarns unter der Herrschaft von Viktor Orbán lehrt, wie leicht mühsam errungene Freiheiten ganz legal wieder abgeschafft werden können, wenn zu viele Bürger in ihrer Enttäuschung freiheitsfeindliche Parteien wählen.

In früheren Zeiten war es in Europa – jedenfalls für Menschen, die das Neue Testament lesen konnten – vergleichsweise leicht, zwar nicht den Machtmissbrauch und die betrügerische oder einfach auf schierer Militär- und Polizeigewalt beruhende Selbstbereicherung der Reichen und Mächtigen zu unterbinden, aber deren Verhalten immerhin als Unrecht zu erkennen und sich selbst zu bemühen, anders zu leben, denn das Christentum war bis ca. zur Mitte des 20. Jahrhunderts die dominierende Ideologie. Und die ethischen Kernaussagen des Christentums sind nun einmal unmissverständlich und eindeutig unvereinbar mit jeder Form von Ausbeutung: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Liebe deine Feinde! – Das hat die real existierenden Kirchen allerdings nicht daran gehindert, teilweise bis ins 20. Jahrhundert hinein Fürsten, Könige und Kaiser als Herrscher von Gottes Gnaden zu verteidigen, Leibeigenschaft und Sklaverei zu rechtfertigen und die Kluft zwischen Arm und Reich als gottgewollt zu werten.

Im Laufe der letzten Jahrzehnte hat das Christentum freilich aus verschiedenen Gründen1 in Europa seine ideologische Macht zu einem erheblichen Teil eingebüßt und es gibt derzeit keine Ideologie, die für die ethische Pflicht, seine Mitmenschen zu achten und ihnen bei Bedarf zu helfen, eine allgemein anerkannte Begründung liefert. Zwar ist leicht einzusehen, dass es gesamtgesellschaftlich von Nutzen ist, wenn jeder Mensch sich so verhält, weil es Konflikte vermeiden und die Lebensqualität aller Menschen steigern würde, aber angesichts der Neigung des Menschen, den eigenen Vorteil auch auf Kosten anderer Menschen zu suchen und diese dabei eventuell sogar zur Beruhigung des eigenen Gewissens mit den fadenscheinigsten Begründungen als minderwertig (dumm, faul, schwach, schwul etc.) zu deklarieren, führt diese Einsicht dennoch oft nicht zum ethisch richtigen Handeln. Die erwiesenermaßen falsche Ansicht, dass man umso glücklicher/zufriedener ist, je mehr man besitzt, auch wenn das für ein materiell angenehmes Leben notwendige Maß bereits weit überschritten ist, hält sich hartnäckig.

Auch die naturwissenschaftlich unwiderlegbare Begründung für die allgemeine Geltung der Menschenrechte, nämlich die grundlegende Gleichheit aller Menschen bezüglich Intelligenz, Entwicklungsmöglichkeiten, Bedürfnissen etc., überzeugt viele bildungsferne – und leider auch etliche zwar fachlich bestens ausgebildete, aber dennoch nicht vorurteilsfreie und nicht zur Überprüfung ihrer Vorurteile bereite – Mitmenschen nicht, weil sie äußerliche Unterschiede wie Sprache, Nationalität, Religion, Haut- oder Haarfarbe, Augenform, Körpergröße und -stärke oder auch Geschlecht, sexuelle Orientierung oder sogar Sitten und Gebräuche wie z. B. Kleidungs- oder Essgewohnheiten überbewerten, ihre natürliche Angst vor dem Fremden nicht überwinden oder wie Rechtsradikale, Islamisten, Nationalisten etc. die Unterschiede sogar dazu benutzen, um sich selbst einer angeblich körperlich, geistig oder kulturell überlegenen Gruppe zugehörig fühlen und deshalb – aufgrund der bloßen Zugehörigkeit – für überlegen halten zu können.

Dieser – evolutionsgeschichtlich durchaus verständliche – Rückzug auf die eigene Gruppe ist freilich für den gesellschaftlichen und weltweiten Frieden gefährlich, denn aufgrund der Überbevölkerung der Erde und aufgrund der sowohl allein schon dadurch als auch durch die weltweit immer noch steigenden materiellen Ansprüche der Menschen bedingten weltweiten Abnahme der natürlichen Ressourcen und Zunahme der Umweltschäden ist gerade nicht egoistisches und nationalistisches Denken angebracht, sondern die Bereitschaft zur Kooperation, zur Verständigung, zur Selbstbeschränkung und zum Interessenausgleich.
 

Kurz- und mittelfristige Gegenmaßnahmen

Was kann man tun, um trotz der beschriebenen Schwierigkeiten eine Kultur der Kooperation und des Interessenausgleichs oder sogar der Selbstbeschränkung und der Hilfsbereitschaft zu fördern? Zunächst einmal kann man natürlich als Folge eigener Einsicht mit gutem Beispiel vorangehen oder sich zumindest darum bemühen.2 Sodann kann man Unternehmer und Manager auffordern, sich im Zuge von freiwilligen Selbstverpflichtungen ethisch angemessen zu verhalten, also z. B. die Beschäftigten nicht mit derart viel Arbeit zu überhäufen, dass sie sie in der regulären Arbeitszeit gar nicht schaffen können, angemessene Löhne zu zahlen und auf den Arbeits- und Umweltschutz – sowie z. B. bei der Fleisch-, Wurst- und Eierproduktion3 auch auf den Tierschutz – zu achten.

Allerdings bringen solche Aufforderungen und freiwillige Selbstverpflichtungen der Wirtschaft erfahrungsgemäß wenig. Das liegt nicht zwangsläufig am "bösen" oder fehlenden Willen der Verantwortlichen, sondern häufig einfach an der Konkurrenzsituation oder – bei Aktiengesellschaften – an überzogenen Gewinnerwartungen der Großaktionäre, z. B. Aktienfonds: Wer seine Beschäftigten nicht ausbeutet, seine Kunden nicht betrügt und der Umwelt möglichst nicht schadet, erzielt in der Regel zumindest kurz- und mittelfristig weniger Gewinn, als wenn er es täte, und schwächt damit womöglich seine Wettbewerbsposition, nämlich dann, wenn seine Konkurrenten nicht ebenso edel handeln. Folglich werden sich allenfalls Unternehmen, die sowieso gute Gewinne erwirtschaften und keine Konkurrenz zu fürchten brauchen, oder solche, die direkt für Endverbraucher produzieren und deshalb auf einen guten Ruf achten müssen, mehr oder weniger "gut" und gemeinwohlorientiert verhalten. Alle anderen Unternehmen werden schauen, was die Konkurrenz macht, und dann wahrscheinlich genauso rücksichtslos und verschlagen vorgehen.4

Folglich muss der Staat, also in Demokratien die Gemeinschaft der Bürger, den Unternehmen per Gesetz Grenzen setzen und die Einhaltung der entsprechenden Gesetze auch konsequent kontrollieren – was derzeit nicht nur in der Agrarindustrie vielfach faktisch nicht der Fall ist. Zumindest sollten die Bürger die Möglichkeit haben, selbst zu entscheiden und zu verantworten, ob sie Waren kaufen, die sozial- und im Bereich der Fleischproduktion auch tierschutzverträglich hergestellt wurden, oder ob ihnen nur ein möglichst niedriger Preis wichtig ist. Eine entsprechende Kennzeichnung wäre deshalb angemessen und durchaus auch möglich.5 Beim Umweltschutz kann der Staat dagegen nicht abwarten und hoffen, dass die Bürger entsprechend gekennzeichnete umweltverträgliche und umweltverträglich produzierte Waren kaufen, da er eine Fürsorgepflicht gegenüber allen Bürgern hat, also auch gegenüber jenen, die nicht auf Kosten der Umwelt billig produzierte und/oder selber die Umwelt schädigende Güter kaufen, aber trotzdem die Folgen solchen Handelns mittragen müssen.
 

Langfristige Gegenmaßnahmen

Auf Dauer werden staatliche Ge- und Verbote allein freilich wohl nicht ausreichen, um die negativen Folgen der derzeit vorherrschenden Kultur des Egoismus und der Gier zu begrenzen. Diese Kultur hat sich vom Bereich der Wirtschaft aus immer weiter ausgebreitet und inzwischen dazu geführt, dass manche Menschen selbst ihre privaten Beziehungen unter dem Aspekt der Profit- bzw. Nutzenmaximierung und nicht mehr der gegenseitigen Solidarität und Liebe betrachten. Kurzum: Ein Wertewandel ist dringend erforderlich. Und obwohl der menschliche Egoismus groß ist, kann ein Wertewandel dennoch gelingen, denn das Bedürfnis der meisten Menschen nach befriedigenden sozialen Beziehungen und nach Anerkennung ist nicht minder groß.6

Nötig ist also eine konsequente Erziehung der Menschen und vor allem natürlich der Kinder und Jugendlichen zwar nicht zu grenzenlosem Altruismus, aber doch zu Fairness, Hilfsbereitschaft und einer Bescheidenheit, die auf dem Wissen darum basiert, dass sowohl die eigenen Schwächen als auch die eigenen Stärken größtenteils geerbt sind, dass jeder Mensch auf die Vorleistungen der Eltern, des Staates und letztlich der vielen Generationen von Menschen, die all jenes Wissen und Können, über das die Menschheit inzwischen verfügt, erarbeitet haben, angewiesen ist und dass jeder Mensch in einer arbeitsteiligen Gesellschaft von der Arbeit anderer Menschen abhängig ist: Allein ist jeder Mensch fast ein Nichts. Auch wenn man die Leistungen anderer Menschen gewöhnlich nicht gratis in Anspruch nimmt, sondern dafür zahlt, wie man selbst gleichfalls für seine Arbeit bezahlt wird, bleibt doch die Tatsache der gegenseitigen Abhängigkeit bestehen – eigentlich Grund genug für solidarisches und faires Verhalten.

Zu einem fairen und solidarischen Verhalten gehört, dass man sich kein größeres Stück vom gemeinsam erarbeiteten Kuchen abschneidet, als einem der eigenen Leistung nach zusteht, bzw. dass man es akzeptiert, wenn einem das, was man durch geschicktes Taktieren oder Verhandeln ergattert hat oder was einem auch einfach ganz ohne eigene Arbeit z. B. durch Erbschaft oder Finanzspekulationen zugefallen ist, zumindest zum Teil durch eine angemessene Besteuerung wieder abgenommen und zum Wohle der Allgemeinheit verwendet wird.7 Dass Reichtum in der Regel großenteils nicht auf eigener Leistung im Sinne von Anstrengung, sondern auf Geschick oder Glück oder auch Gerissenheit beruht, wurde bereits passim z. B. in den Texten Kein Recht auf Faulheit? und Kritik des reinen Kapitalismus dargelegt. Andererseits können sinnvolle neue oder verbesserte Produkte und Dienstleistungen die Lebensqualität von Menschen natürlich durchaus erhöhen, weshalb einem Unternehmer, der solche Waren entweder selbst erfindet und vermarktet oder zwar nicht selbst erfunden hat, aber doch immerhin erfolgreich vermarktet und dadurch potenziellen Nutzern zugänglich macht, aus ethischer Sicht nicht nur Anerkennung, sondern auch ein überdurchschnittliches Einkommen gebührt.

Zu einem fairen und solidarischen Verhalten gehört ferner, dass man im Rahmen seiner Möglichkeiten und Fähigkeiten tätig wird und für sich selbst sorgt und nicht unnötig die Hilfe seiner Mitmenschen in Anspruch nimmt. Das bedeutet nicht, dass man ethisch verpflichtet ist, jeden noch so miesen, gesundheitsschädlichen und schlecht bezahlten Job anzunehmen, wohl aber, dass man sich nicht prinzipiell jeder – also auch einer den eigenen Fähigkeiten angemessenen und angemessen bezahlten – Arbeit oder Ausbildung verweigert und lieber von Hartz IV oder illegalen Geschäften und Tätigkeiten lebt.

In der Praxis freilich liegt es meistens nicht an den Langzeitarbeitslosen, dass sie langzeitarbeitslos sind, denn betriebsbedingte Kündigungen können (fast) jeden treffen und kommen zumindest für Personen, die 40 Jahre alt oder älter sind, häufig einer Verurteilung zur Dauerarbeitslosigkeit gleich. Auch sind besonders viele Ungelernte langzeitarbeitslos, und da die regulären Arbeitsplätze für Ungelernte immer weniger werden, haben sie nur geringe Chancen, einen neuen regulären Job zu finden. Dass sie aber ungelernt sind, kann man ihnen in der Regel nicht vorwerfen, da in Deutschland ein Schulabgänger, der "nur" die Hauptschule besucht hat, kaum eine Chance auf eine Lehrstelle hat. Es ist Aufgabe des Staates als der Gemeinschaft der Bürger, die für ihr Gemeinwesen bzw. füreinander Verantwortung tragen, nicht der Wirtschaft als der Gesamtheit der normalerweise jeweils nur ihre eigenen Interessen vertretenden Unternehmen, dafür zu sorgen, dass alle Bürger ihr Auskommen haben.8
 

Erziehung und Bildung

Was nun die konkrete Hinführung zu einem ethisch guten Verhalten betrifft, so ist es durchaus möglich, durch konsequente Missbilligung egoistischen und konsequente Belobigung fairen und solidarischen Verhaltens sowie natürlich durch eigenes vorbildliches Verhalten Kindern und Jugendlichen Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft geradezu anzutrainieren – sogar ohne jede theoretische Begründung wie z. B. Hinweise auf die prinzipielle Gleichwertigkeit aller Menschen und die Angewiesenheit der Menschen aufeinander in einer hochgradig arbeitsteiligen Gesellschaft und einer globalisierten Wirtschaft. Die Begründungen sollte man freilich, sobald das Kind verständig genug ist, tunlichst nachliefern.

Die Hinführung zu einem ethisch guten Verhalten wird durch die natürliche Entwicklung der Kinder und Jugendlichen erleichtert, die sich normalerweise und unter halbwegs günstigen Lebensbedingungen auch ohne intensive Erziehungsbemühungen quasi naturgemäß von extremen Egoisten – im Kleinkindalter – zu gruppenbezogenen und sozial interessierten – bestenfalls auch engagierten – Jugendlichen und Erwachsenen entwickeln, wie Entwicklungspsychologie und speziell Kinderpsychologie inzwischen gezeigt haben. Eltern merken das gewöhnlich spätestens dann, wenn sie implizit oder explizit mit den Fragen und Wünschen des jugendlichen Nachwuchses nach einer sinnerfüllten Zukunft konfrontiert werden.

Bei aller Sorge um die spätere berufliche Zukunft sollte man ferner seine Kinder nicht zu schulischen Höchstleistungen drängen. Das bringt meistens nicht viel und raubt ihnen schlimmstenfalls die Kindheit. Wenn sie freilich von sich aus auf irgendeinem Gebiet den Drang zeigen, Wissen und Fähigkeiten zu erwerben, bzw. sich von fähigen Lehrkräften für bestimmte Wissensgebiete begeistern lassen, sind Unterstützung – falls gewünscht und nötig – und Lob bei entsprechenden Leistungen natürlich gut und sinnvoll. Im Übrigen weiß wohl jeder Erwachsene, wie wenig von dem jahrelang eingeübten und eingetrichterten Schulwissen nach wenigen Jahren oder sogar nur Monaten noch übrig ist, nämlich lediglich das, was man tatsächlich häufig braucht oder was einen besonders interessiert und womit man sich folglich auch gern und aus eigenem Antrieb beschäftigt hat, und zwar auch außerhalb der Schule und nach Abschluss der Schule. Alles andere geht im Meer des Vergessens unter.

Das Abrichten sogar schon der Kinder und Jugendlichen auf die tatsächlichen oder vermeintlichen Bedürfnisse der Wirtschaft und das ständige Schielen auf den Notendurchschnitt mit Blick auf den Numerus clausus bei etlichen Hochschulfächern fördern dagegen in der Regel nicht nachhaltig das Wissen und die Fähigkeiten der Schüler, sondern bloß deren Frust und Aggressivität. Zudem ist der Numerus clausus aufgrund des Notendurchschnitts bei vielen Fächern völlig unsinnig, denn selbst ein geforderter Notendurchschnitt von 1,0 – das gibt es tatsächlich – garantiert keineswegs, dass jemand z. B. ein guter Arzt oder Psychologe werden wird, sondern allenfalls, dass er eine gewisse Intelligenz besitzt. Hinzu kommt, dass die Notengebung erwiesenermaßen vielfach fast willkürlich ist und man z. B. für einen Deutschaufsatz, für den man bei der einen Lehrkraft ein "sehr gut" bekommt, bei einer anderen durchaus z. B. nur ein "ausreichend" kassieren kann.

Es sollte also reichen, wenn man in der Schule ein Grundwissen in Deutsch und vielleicht noch in Englisch, in Mathematik, Geschichte, Naturwissenschaften, Philosophie sowie Sozial- und Wirtschaftsgeschichte erwirbt, auf dem man weiter aufbauen bzw. das man in den höheren Klassen je nach Interesse in Leistungskursen ausbauen und vertiefen kann. Überhaupt sollten nicht der Erwerb von Detailwissen, sondern die Schulung von Vernunft und Urteilskraft sowie das Einüben von menschenfreundlichen sozialen Verhaltensweisen im Mittelpunkt des Unterrichts stehen. Schätzungsweise mindestens drei Viertel dessen, was derzeit in der Schule gemäß den Lehrplänen an Einzelwissen in die Schüler(innen) hineingestopft wird, sind dagegen sowieso nach kurzer Zeit verloren.

An der Universität setzt sich das übliche schulische Lernen, also das Auswendiglernen von Fakten und Lösungswegen für die nächste Prüfung, in vielen Fächern leider unverändert fort. Lediglich in den Kulturwissenschaften gibt es selbst im Grundstudium noch eine gewisse Freiheit. Die Freiheit und Notwendigkeit, eigenständig zu denken und eigene Lösungswege zu suchen und zu finden, erleben die übrigen Studierenden dagegen frühestens, wenn sie gegen Ende des Studiums eine größere eigenständige Arbeit abliefern müssen, die mehr sein soll als eine Zusammenstellung bereits vorhandenen Wissens oder eine abwägende Beurteilung bereits vorhandener Lösungsansätze. Auch an der Universität wären deshalb eine größere Freiheit bei der Auswahl des Lernstoffes und eine umso intensivere Beschäftigung mit demselben zwecks tieferen Verständnisses und eventuell sogar selbständigen Findens eigener Lösungen sinnvoll.

Aber bereits nach der Schule, nicht erst nach einem Studium oder einer Berufsausbildung sollten die Absolventen fähig sein, die Freiheit und die Anstrengung des Denkens zu würdigen und sich selbständig neue Wissensgebiete und Einsichten zu erschließen sowie ihre Mitmenschen als gleichberechtigt und gleichbedürftig zu akzeptieren und sie gemäß ihrem Verhalten gegenüber anderen Menschen und ihrem Beitrag zum Gemeinwohl einzuschätzen.

Sie sollten ferner erkennen können, wann wirtschaftliche Eigeninteressen zu Unrecht als dem Gemeinwohl dienlich dargestellt werden: Es ist weder ein Naturgesetz noch wirtschaftlich, sozial oder politisch sinnvoll oder gar notwendig, dass einige wenige Menschen fast alles und viele andere Menschen fast nichts besitzen. Die Steigerung des Reichtums der wenigen Reichen führt außerdem keineswegs automatisch dazu, dass irgendwann auch die Armen etwas mehr besitzen. Zudem gibt es keinen stringenten Bezug zwischen individueller Anstrengung und Einkommen/Vermögen oder zwischen dem Beitrag zum Gemeinwohl und dem Einkommen/Vermögen: Wäre es so, müssten jene Menschen, die am meisten schuften, also z. B. Krankenschwestern und -pfleger, sowie jene, die am meisten zum Fortschritt der Menschheit beitragen, also bedeutende Philosophen, Naturwissenschaftler und Erfinder, die reichsten Menschen sein. Das ist offensichtlich nicht der Fall.
 

Umgang mit Egoismus

Was aber kann man tun, wenn Elternhaus, Schule und Ausbildungsbetrieb/Hochschule versagt haben und sich eine zwar eventuell fachlich kompetente, aber selbstsüchtige Persönlichkeit herausgebildet hat?

Gegen die offensichtlichsten asozialen Verhaltensweisen gibt es natürlich Gesetze, und obwohl sie offenkundig Straftaten oft nicht verhindern können, sind sie doch notwendig, um den Täter oder die Täterin überhaupt belangen, nach Möglichkeit zu Einsicht, Reue und Wiedergutmachung bewegen sowie Wiederholungstaten möglichst verhindern zu können.9 Aber Gesetze werden von Menschen gemacht, und während weitgehend Einigkeit darüber herrscht, dass und wann und wie Gewaltverbrechen zu ahnden sind, und niemand auf die Idee käme, Gewalttäter oder potenzielle Gewalttäter die sie betreffenden Gesetze selbst schreiben zu lassen, werden die Gesetze, die Unternehmer, Manager, Aktionäre, Banker etc. betreffen, zu einem Großteil direkt oder indirekt exakt von jenen geschrieben, die sie betreffen, nämlich den Unternehmen bzw. konkret den Managern und Unternehmern sowie deren Juristen und Lobbyisten, die zum Teil direkt in den Ministerien sitzen und dort die Beamten "beraten" oder aber – wenn "Beratung" nicht ausreicht –  Druck auf die Abgeordneten und die Regierungen ausüben: Mit dem Verlust oder der Verlagerung von Arbeitsplätzen zu drohen wirkt z. B. fast immer. Es kann nicht verwundern, dass dabei der Schutz der Verbraucher und der Umwelt sowie die Interessen der Arbeitnehmer und der Arbeitslosen weitgehend unberücksichtigt bleiben.

Außerdem regeln Gesetze auch dann, wenn sie nicht von Lobbyisten gemacht sind, natürlich nicht alles und bieten deshalb Schlupflöcher, die von gerissenen Egoisten gerne genutzt werden: So ist z. B. die Geschäftspolitik fast einer ganzen Branche, nämlich der Banken und sonstiger Finanzdienstleister, im Wesentlichen darauf ausgerichtet, entweder den Kunden (z. B. durch für den Finanzdienstleister lukrative Fehlberatung) oder den Staat (z. B. durch Beihilfe zur Steuervermeidung oder -hinterziehung) oder beide zusammen zu übervorteilen und Geld zu scheffeln, ohne irgendwelche realen Werte zu schaffen oder gar dem Gemeinwohl zu dienen. Hier kann wohl nur eine Genehmigungspflicht für sämtliche Finanzprodukte und eine akribische Beobachtung der potenziellen Straftäter helfen.10

Über Maßnahmen zur Eindämmung des Einflusses quasi strukturell – nämlich aufgrund ihrer Rolle im kapitalistischen Wirtschaftssystem – egoistischer natürlicher und juristischer Personen wie Unternehmer und Unternehmen hinaus11 sollte krasser Egoismus jedoch auch sozial verpönt sein. Derzeit ist allerdings eher das Gegenteil zu beobachten: Zwar werden die Millionengehälter mancher Spitzenmanager kritisiert, obwohl diese im Vergleich zu den Einkünften und zum Vermögen vieler Unternehmer bzw. von Großaktionären – die freilich im Gegensatz zu Managern auch eventuelle Verluste des Unternehmens tragen müssen – eher gering sind, aber das System an sich, also die Gewinnung von Reichtum durch das Einbehalten eines überproportional großen Anteils am Gewinn und mithin durch die legale Übervorteilung anderer Menschen, seien es Kunden, Beschäftigte oder Zulieferer, wird nicht in Frage gestellt. Höchst erfolgreiche Unternehmer wie Bill Gates, Larry Page, Sergey Brin und Mark Zuckerberg werden bewundert, obwohl ihr Geschäftsgebaren aus unterschiedlichen Gründen kritikwürdig und ihre jeweilige Geschäftsidee nicht einzigartig ist bzw. war. Aber sie haben es geschafft, sich mit durchaus fragwürdigen Methoden ein Monopol oder Quasimonopol zu verschaffen.

Millionen von Menschen jubeln sogar jungen Männern zu, die dafür, dass sie erfolgreich Fußball spielen oder schnell Auto fahren können oder irgendeine andere populäre Sportart gut beherrschen, mehr Geld bekommen als die meisten Manager. Bei anderen erfolgreichen Unterhaltungskünstlern wie Sängern, Schauspielern, Talkmastern etc. ist es ähnlich. Auch dass die Kinder reicher Unternehmer nach dem Tode derselben in der Regel kaum Erbschaftssteuern zahlen müssen, obwohl sie für den ererbten Reichtum doch selbst überhaupt keine Leistung erbracht haben und es in einer "Leistungsgesellschaft" folglich legitim wäre, einen Großteil des Erbes dem Staat zur Erfüllung seiner Aufgaben zur Verfügung zu stellen, und dass viele Menschen es offenbar völlig in Ordnung finden, dass reiche Erben kaum Erbschaftssteuern zahlen, kann verwundern. Denn natürlich müssen die Durchschnitts- und Geringverdiener umso mehr Steuern zahlen und erhalten umso weniger Leistungen hinsichtlich Infrastruktur, Bildung, Krankheitsbehandlung und auch Rente, je weniger die Gut-, Besser- und Bestverdiener zahlen.
 

Auswirkungen auf die Beschäftigten

Das Konkurrenzprinzip bzw. das Streben der Unternehmen nach Vorherrschaft und möglichst einer Monopolstellung auf ihrem jeweiligen Gebiet hat zumindest bei unsicheren Arbeitsplätzen direkte Auswirkungen auf die Anforderungen an die Beschäftigten und auf das Betriebsklima und fördert eine Kultur der Anpassung, der Heuchelei sowie des Mobbing und Bossing: Wer nur einen befristeten Arbeitsvertrag hat oder Angst vor einer betriebsbedingten Kündigung haben muss oder ein übertriebenes Pflichtgefühl besitzt oder glaubt, desto schneller "Karriere" zu machen, je williger er ist, wird nicht so schnell nein sagen, wenn er immer mehr Arbeit in immer kürzerer Zeit erledigen soll. Er wird "flexibel" sein, unbezahlte Überstunden machen, stets – also auch außerhalb der regulären Arbeitszeiten – zur Verfügung stehen, überhaupt arbeitsmäßig so ziemlich alles mit sich machen lassen und dabei versuchen, die eigenen Leistungen im strahlendsten Lichte erscheinen zu lassen.

Inzwischen hat der Druck sogar schon jene erreicht, die sich bislang um ihren Arbeitsplatz wenig Sorgen machen mussten, nämlich die Beschäftigten im Öffentlichen Dienst. Mit allerlei Methoden wie Mitarbeitergesprächen, Rechenschaftsberichten, Zielvereinbarungen, Teambuildingmaßnahmen, Motivierungsseminaren, Erstellung von Leitlinien sowie jeder Menge Meetings, Evaluierungen, Projekten, Change Management etc. wird versucht, das aus der Wirtschaft bekannte Konkurrenz-, Wachstums- und Effizienzdenken auch in Bereichen wie Schulen, Hochschulen, Behörden, Museen, Krankenhäusern etc. zu verankern, wo Profitstreben meistens unangebracht oder sogar schädlich ist.12

Die Folgen sind häufig eine weitgehend ergebnislose hektische Betriebsamkeit, um Leistungsbereitschaft zu demonstrieren, eventuell publikumswirksame, aber Zeit verschlingende und nicht selten sogar – z. B. bei dem permanenten Ausstellungszirkus für viele fragile Ausstellungsstücke – schädliche Aktionen sowie geschönte und ebenfalls reichlich Zeit beanspruchende Leistungsberichte, deren Anfertigung von der eigentlichen Arbeit – im Hochschulbereich z. B. eigener Weiterbildung, Forschung und anspruchsvoller Vermittlung der gewonnenen Erkenntnisse – abhält. Im Extremfall wendet der Beschäftigte mehr Zeit für die Selbstdarstellung bzw. die geschickte Darstellung seiner Leistungen oder sogar seiner bloß geplanten Leistungen auf als für die Arbeit selbst. Ein Beispiel dafür ist die Exzellenzinitiative, bei der nicht etwa exzellente Leistungen belohnt werden, sondern die exzellente Ankündigung (!) exzellenter Leistungen. Für die beteiligten Beschäftigten aller nicht geförderten Universitäten bedeutet die Teilnahme an einem solchen Wettbewerb nichts anderes als eine ungeheure Verschwendung von Zeit, Arbeitskraft und nicht zuletzt auch Geld.13

Es ist klar, dass sich in einem Klima permanenter Konkurrenz, Überwachung, Wichtigtuerei und Heuchelei Eigenschaften wie Menschenfreundlichkeit, Aufrichtigkeit, Zivilcourage und Hingabe an die Sacharbeit kaum entwickeln können. Die Resultate: Solide Sach- und Verwaltungsarbeit wird durch Kosmetik und Scheinaktivitäten, Pflichterfüllung durch Selbstdarstellung, solidarisches und ergebnisorientiertes Handeln durch Profilierungsstreben, Misstrauen und Missgunst ersetzt. Und wenn das ganze Brimborium nicht die erwarteten Verbesserungen bringt, wird der – angeblich ja selbständig und eigenverantwortlich als kreativer Problemlöser handelnde, in Wirklichkeit dank ständiger Gehirnwäsche zum angepassten Lakaien degradierte – Mitarbeiter zum Sündenbock gemacht. Eine solche Betriebskultur kann auch der Demokratie schaden: Lakaien eignen sich nicht als Souveräne.14
 

Notwendige Konsequenzen

Um Menschenfreundlichkeit zu fördern, muss es letztlich eine Kultur der Solidarität und ein entsprechendes wirtschaftliches und politisches System geben. Das politische System, nämlich eine Demokratie, die nicht die dauerhafte Herrschaft einer knappen Mehrheit über eine große Minderheit darstellt, sondern Machtwechsel ermöglicht und Minderheitenrechte schützt, gibt es in Deutschland im Prinzip bereits. Allerdings werden immer wieder wichtige Entscheidungen durch Unternehmens- und Branchenlobbyisten in unangemessener Weise zuungunsten der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung beeinflusst, wie man z. B. an der bislang weitestgehend ausgebliebenen Regulierung des Finanzsektors, am Abbau der Rechte von Arbeitslosen und Arbeitnehmern zumindest in den letzten dreißig Jahren, am in der Praxis mangelhaften Verbraucherschutz, aber auch am Unwesen der Abmahnanwälte15 sowie an völlig überteuerten Medikamenten und medizinischen Hilfsmitteln leicht erkennen kann.

Ein wirtschaftliches System, das auf Solidarität aufbaut oder sie zumindest nicht behindert, hat Deutschland und haben alle anderen kapitalistischen Länder dagegen nicht: Vielmehr bestreitet der Kapitalismus im Grunde die Tatsache, dass der Mensch ein soziales Wesen ist, und fordert und fördert Rücksichtslosigkeit, Habgier und Egoismus. Zwar gibt es zweifellos zahlreiche Kapitalisten, die nicht in das Klischee des frühkapitalistischen Unternehmers passen und persönlich Philanthropen und Mäzene sind. Um im Wettbewerb zu bestehen, können sie im geschäftlichen Bereich aber kaum anders handeln als der schlimmste Konkurrent, also in der Regel ebenfalls mehr oder minder gewissenlos. Lediglich als Monopolisten oder vielleicht noch als Oligarchen haben oder hätten sie die Möglichkeit, ethisch zu handeln.

Folglich bleibt nichts anderes übrig, als die Reichweite des kapitalistischen Systems zu begrenzen: Aufgaben der Daseinsvorsorge, die von Unternehmen des Bundes, der Länder, der Regierungsbezirke oder der Kommunen gut, verlässlich und kostengünstig – schließlich müssen solche Unternehmen keine Gewinne für Eigentümer, überbezahlte Manager oder Aktionäre erwirtschaften – ausgeführt werden können, sollten nicht privatisiert bzw. die bereits privatisierten Unternehmen möglichst wieder zurückgekauft werden. In den Unternehmen sollten die ethischen Grundsätze des Öffentlichen Dienstes bzw. des Beamtentums und nicht die arbeitnehmer- und kundenfeindlichen, ausschließlich gewinnorientierten Maßstäbe von Unternehmensberatern gelten.16

Gemeinnützige und genossenschaftliche Unternehmen sollten gefördert werden, z. B. durch Steuererleichterungen oder Bevorzugung bei öffentlichen Aufträgen. Dabei sollte freilich darauf geachtet und regelmäßig überprüft werden, ob bzw. dass das Unternehmen sich nicht nur pro forma von ausschließlich profitorientierten Unternehmen unterscheidet, sondern tatsächlich eine andere, menschenfreundliche und nicht ausbeuterische Form des Umgangs miteinander praktiziert. Derzeit gibt es nämlich etliche Unternehmen, bei denen Schein und Sein hinsichtlich der Unternehmenskultur weit auseinanderklaffen.17

Alle Unternehmen – inklusive Aktiengesellschaften – sollten nicht nur die Profitmaximierung zum Ziel haben, sondern gesetzlich verpflichtet werden, auch zum Wohl der Beschäftigten, der Kunden und der Zulieferer zu agieren. Insbesondere sollte der Wettbewerb über Innovationen und Produkt- oder Dienstleistungsverbesserungen, nicht aber über Lohndumping, Arbeitsverdichtung oder unbezahlte und meistens gar nicht erst registrierte Überstunden ausgetragen werden. Es ist doch irrsinnig, dass in einem Land, in dem – bei allerdings sehr ungleicher Verteilung der Güter – insgesamt materieller Überfluss herrscht, trotzdem viele Berufstätige über ständigen Stress klagen und immer mehr und immer verdichteter arbeiten müssen/sollen oder in Einzelfällen sogar wollen, um immer mehr und immer neue letztlich entbehrliche Güter zu produzieren – und anschließend als von der Werbung verblendete Konsumenten zu kaufen und (vielleicht) zu konsumieren.

Um wirksam kontrollieren zu können, ob die Unternehmen ihre Pflicht, auch zum Wohl der Beschäftigten, Kunden und Zulieferer und nicht nur zum finanziellen Wohl der Eigentümer zu agieren, tatsächlich erfüllen, sollten Arbeitnehmer das Recht erhalten und in die Lage versetzt werden, unternehmensinterne Missstände öffentlich zu machen und anzuzeigen oder dagegen zu klagen, ohne finanzielle oder sonstige Nachteile befürchten zu müssen. Das heißt konkret, dass ein Arbeitnehmer, der Missstände öffentlich macht oder dagegen klagt, häufig eine derart hohe Abfindung erhalten müssen wird, dass er für den Rest seines Lebens finanziell abgesichert ist, da realistischerweise kaum damit zu rechnen ist, dass ein anderes Unternehmen ihn nach der zu erwartenden Kündigung noch einstellt.

Gesetze gegen Mobbing, Bossing und Ausbeutung sowie zum Schutz von Whistleblowern sollten natürlich mit entsprechenden Strafen bewehrt sein: Wer andere Menschen isoliert, bedroht, einschüchtert, schikaniert, herabsetzt, lächerlich macht oder sonstwie in ihrer Würde verletzt bzw. psychisch, physisch oder wirtschaftlich schädigt, sollte mit empfindlichen Haftstrafen rechnen müssen. Bislang bleiben Taten wie Mobbing und Bossing sowie unternehmensinterne Gesetzesverstöße in Deutschland in Ermangelung wirksamer Schutzgesetze fast immer straffrei. Den Schaden haben jene, die gemobbt oder ausgebeutet werden oder auf Missstände hinweisen, nicht etwa die Verursacher derselben.

Der einfachste und wahrscheinlich wirksamste Schutz gegen die Missachtung von Arbeitnehmern und deren Interessen wäre freilich wohl ein Mangel an Arbeitskräften, der die Arbeitgeber zwingen würde, um sie zu werben. Ein bedingungsloses Grundeinkommen und eine generelle Verringerung der Arbeitszeit würden die Stellung der Arbeitnehmer deshalb sicherlich stärken. Die Verlängerung der Lebensarbeitszeit und die Anwerbung von Arbeitnehmern aus dem Ausland schwächen sie dagegen.
 

Resümee

Wer möchte, dass Menschen sich menschenfreundlich verhalten, muss dafür sorgen, dass es ihnen physisch und psychisch gut geht, und zwar von Geburt an bzw. sogar bereits davor, denn schon das Ungeborene registriert die Stimmungen und Gefühle der Mutter und trägt die Folgen dessen, was sie tut. Das Gefühl, geliebt, geachtet und gebraucht, aber nicht missbraucht zu werden, ist der beste Schutz gegen die Versuchung zur Misanthropie, zur Gewaltanwendung oder zur betrügerischen Übervorteilung anderer Menschen sowie gegen Rechtsradikalismus, Islamismus, christlichen Fundamentalismus und sonstige Ideologien, die das eigene Selbstwertgefühl auf Kosten anderer Menschen und der wissenschaftlichen Redlichkeit stärken, aber auch gegen Selbstverachtung und Selbsthass.

Der Kapitalismus in seiner insbesondere in den USA vorherrschenden Form als Ideologie des extremen Egoismus und extremer materieller Unsicherheit des weit überwiegenden Teils der Bevölkerung fördert folglich bei großen Teilen derselben nicht die Menschenfreundlichkeit, sondern produziert abermillionenfach Chancenlosigkeit und Verlierer. Die Verbrechensrate in den USA und in hinsichtlich des Wirtschaftssystems sowie des (weitestgehend fehlenden) Sozialsystems vergleichbaren Ländern wie Großbritannien und zahlreichen Dritte-Welt-Ländern ist entsprechend hoch.

Das Fehlen eines Sozialstaats kann, wie die Verhältnisse in den USA zeigen, offensichtlich nicht durch private Mildtätigkeit kompensiert werden: Obwohl die US-Amerikaner sehr viel mehr spenden als die Deutschen, geht es armen US-Amerikanern generell schlechter als armen Deutschen. Denn erstens stellt der Sozialstaat – zumindest in Deutschland – sehr viel mehr Geld für die Beseitigung von Not und für den sozialen Ausgleich zur Verfügung als alle privaten Spender zusammen. Zweitens drängt er – zumindest in der Theorie – die Hilfsbedürftigen nicht in die Rolle von Bittstellern und Almosenempfängern, sondern gewährt ihnen Rechte und achtet ihre Würde. Drittens schließlich verteilt der Sozialstaat individuelle Geld- und Sach- sowie regionale Infrastrukturleistungen wie z. B. Bildungs- und Ausbildungsstätten – im Idealfall – nach objektiven Kriterien bzw. nach objektiver Notwendigkeit, nicht nach subjektivem Geschmack bzw. nach dem Werbeetat und dem Ansehen der Hilfsorganisationen.

Der Sozialstaatskapitalismus der Nachkriegszeit in Westdeutschland bis ca. 1980 war folglich relativ menschenfreundlich und mit – freilich vom Wissen um die Verbrechen und Leiden der Nazizeit getrübten – Gefühlen des Optimismus, der Geborgenheit und der Friedfertigkeit verbunden. Allerdings war er möglicherweise nur deshalb so menschenfreundlich, weil die Zerstörungen des Krieges dazu führten, dass Arbeitslosigkeit faktisch unbekannt war und der Wohlstand nur zunehmen konnte, und weil die DDR eine Systemalternative bot, von der sich das kapitalistische Wirtschaftssystem Westdeutschlands positiv abheben sollte.

In der heutigen Zeit weitgehend gesättigter Märkte in Deutschland und Westeuropa bei zugleich stetig steigernder Produktivität können die Alternativen vernünftigerweise nur sein, entweder weniger zu arbeiten, weniger zu produzieren und weniger zu kaufen – wobei die Reduzierung von Arbeit und Kaufkraft möglichst gleichmäßig verteilt werden und nicht zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit führen sollte – oder aber weiterhin zuviel zu arbeiten und das zuviel Produzierte und Verdiente in irgendeiner Form wegzugeben, bis zunächst überall in Deutschland und schließlich überall auf der Welt ähnlich gute Lebensbedingungen herrschen.

Besonders die Alternative, Geld wegzugeben, mag merkwürdig klingen, aber sie wird bereits jetzt immer dann Wirklichkeit, wenn Benachteiligte oder Schwächere gefördert werden, sei es innerhalb Deutschlands über Sozialleistungen und Maßnahmen für Einzelpersonen oder ganze Regionen wie z. B. die ostdeutschen Länder, sei es über Deutschland hinaus, indem Geld in ärmere Länder transferiert wird, z. B. durch Urlaubsreisen oder durch Investitionen von Unternehmen oder durch Kredite. Zwar hoffen die Geldgeber bei Investitionen und Krediten, ihr Geld mit Gewinn zurückzuerhalten, aber zunächst einmal ist es weg und Hoffnungen können trügen.

Letztendlich wird angesichts der globalen Abhängigkeiten hinsichtlich der Abwendung von Klima- und sonstigen "Natur"katastrophen, des Austausches von Informationen, Rohstoffen und Endprodukten sowie der Vermeidung von Terror, Kriegen und Migrationsbewegungen als den Folgen allzu krasser Wohlstandsunterschiede auf Dauer kein Weg an einer weltweiten Angleichung der Lebensverhältnisse vorbeiführen.
 

1 Stichworte: Gleichgültigkeit gegenüber organisierten, Gehorsam verlangenden Religionen als Folge zunehmenden Wohlstands und zunehmender individueller Freiheit; Unvereinbarkeit mancher kirchlicher Lehren, z. B. der katholischen Naturrechtslehre, mit den Erkenntnissen der Naturwissenschaften, in diesem Falle mit der Evolutionstheorie; Relativierung des Geltungsanspruchs des Christentums durch den Vergleich mit anderen Religionen; Beharren insbesondere der katholischen Kirche auf nicht mit der Vernunft begründbaren Autoritäts- und Machtansprüchen in Fragen der Sittenlehre selbst gegenüber Nicht- und Andersgläubigen; Verlust von Glaubwürdigkeit durch unchristliches Verhalten z. B. gegenüber den eigenen Angestellten; geistige Mitverantwortung am Holocaust durch jahrhundertelange Judenverleumdung und -diskriminierung. Vgl. Sie zum Thema Religion und Kirchen auch den Text Was können wir glauben? Was sollen wir tun?

2 Vgl. Sie dazu z. B. die Texte Wirtschaftspolitik – Irrwege und Auswege. Überlegungen zum guten Leben, insbesondere den Abschnitt Was kann ich selbst tun?, sowie Zufriedenheit und Glück.

3 Vgl. Sie zum Thema Fleischkonsum z. B. den Text Tierhaltung und Tierschutz: Darf man Tiere nutzen und töten?

4 Vgl. Sie generell zur Wirtschaftsethik z. B. den Text Gedanken zur Wirtschaftsethik.

5 Vgl. Sie zum Thema Verantwortung (u. a. als Verbraucher und gegenüber Bewohnern wirtschaftlich unterentwickelter Länder) z. B. den Text Bin ich denn der Hüter meines Bruders? Verantwortung füreinander.

6 Vgl. Sie zu den grundlegenden menschlichen Eigenschaften und Bedürfnissen z. B. die Texte Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?, Wesenszüge des Menschen, Was ist gerecht?, Wann ist das Leben lebenswert? und Was braucht der Mensch? Vom steuerfreien Existenzminimum und notwendigen Luxus.

7 Vgl. Sie zum Thema Steuern z. B. den Text Vorschläge für ein besseres Steuersystem.

8 Vgl. Sie zu den Themen Senkung der Arbeitslosigkeit, Sozialstaat etc. z. B. die Texte Kein Recht auf Faulheit? und Freiheit statt Solidarität? Welchen Staat wollen wir? Letztlich können alle derartigen Bemühen nur auf eine Reduzierung der Arbeitszeit z. B. mittels Teilzeitarbeit sowie auf einen Abbau von Arbeitsplätzen in der Industrie zugunsten wenig materielle Ressourcen verbrauchender Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich im weitesten Sinne hinauslaufen: Bei weitgehend gesättigten Märkten für materielle Güter, ständig steigender Arbeitsproduktivität zumindest im industriellen Bereich, immer seltener werdenden bzw. schwieriger zu gewinnenden und deshalb teurer werdenden Rohstoffen und insgesamt weltweit begrenzten materiellen Ressourcen ist es einfach sinnvoller, individuell weniger zu arbeiten und weniger Überflüssiges zu kaufen, also letztlich Arbeit und Einkommen zu teilen, als gesamtgesellschaftlich Arbeitslosigkeit und Armut bzw. Abhängigkeit von Transferleistungen zu produzieren.

9 Vgl. Sie zur Strafgesetzgebung und zum Strafvollzug z. B. den Text Staatliches Gewaltmonopol und Pflichten des Staates.

10 Weitere Vorschläge enthält z. B. der Text Bin ich denn der Hüter meines Bruders? Verantwortung füreinander im Kapitel Exkurs: Turbokapitalismus.

11 Mögliche Gegenmaßnahmen: Verbot von Parteispenden juristischer Personen, Verbot der Stückelung von Parteispenden natürlicher Personen zwecks Umgehung der Veröffentlichungspflicht, Beschränkung der steuerlichen Absetzbarkeit von Parteispenden auf einen absoluten Betrag, der sich an der Spendenbereitschaft eines Durchschnittsverdieners orientiert, Verbot von Sponsoring, Verbot von "Gefälligkeiten" von Unternehmern, Managern, Lobbyisten oder sonstiger Interessenvertretern, die offenbar von etlichen Politikern irrtümlich für "Freunde" gehalten werden, für Politiker, Verbot des Wechsels von Politikern aus dem Amt in wirtschaftlich bedeutsame und lukrative Positionen in Unternehmen oder Institutionen, denen sie zuvor "Gefälligkeiten" erweisen konnten, Verbot der Mitwirkung von Lobbyisten an der Formulierung von Gesetzen.

12 Als eindeutig schädlich, und zwar für die Patienten, haben sich Profitdenken und Konkurrenzprinzip inzwischen bei den Krankenhäusern erwiesen, die vor allem seit der "Gesundheitsreform" von Altbundeskanzler Gerhard Schröder und der damaligen Gesundheitsministerin Andrea Fischer aus dem Jahr 2000, in der Praxis umgesetzt seit ca. 2003, zu einem harten Konkurrenzkampf gezwungen sind. Das hat u. a. zur Folge, dass Leistungen abgebaut wurden, die unrentabel erscheinen, aber im Notfall überlebenswichtig sein können, z. B. Bereitschaftsdienste. Darüber hinaus haben seit der Einführung von Fallpauschalen insbesondere die Chef- und Oberärzte, beeinflusst von den Krankenhausträgern und Verwaltungsdirektoren, oft mehr das finanzielle Wohl des Krankenhauses als das Wohl der Patienten im Blick und drängen den Patienten nicht selten unnötige oder sogar schädliche Operationen und sonstige Maßnahmen wie z. B. Bestrahlungen auf, weil diese Leistungen dem Krankenhaus viel Geld bringen. Etliche Ärzte haben sich sogar – gegen eine entsprechende Prämie zusätzlich zu dem ohnehin nicht niedrigen Entgelt – vertraglich verpflichtet, in einem bestimmten Zeitraum eine bestimmte Menge bestimmter Operationen auszuführen – ohne zu wissen, ob es im fraglichen Zeitraum überhaupt so viele Patienten geben wird, die eine solche Operation benötigen. Damit haben sie im Herzen den hippokratischen Eid – keinem Kranken zu schaden – bereits gebrochen, denn wenn es nicht genug "geeignete" Patienten gibt, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als ungeeignete – zu schwache oder mit weniger aufwändigen und weniger belastenden oder auch gar keinen Maßnahmen ebenso gut oder sogar besser zu behandelnde – Patienten zu unnötigen oder sogar schädlichen, schlimmstenfalls tödlich endenden Operationen oder sonstigen Maßnahmen zu überreden. Andere Patienten wiederum, insbesondere solche, die an mehreren Krankheiten leiden, erhalten nicht jene Hilfe, die sie benötigen, weil das Krankenhaus die benötigten Leistungen nicht alle abrechnen kann. Vgl. Sie dazu z. B. die Artikel "Das Ende der Schweigepflicht. Mit der Gesundheitsreform sollten Krankenhäuser effizienter, billiger, transparenter werden. Die Operation ist gelungen. Aber den Patienten geht es nicht gut. Fünf Klinikärzte berichten aus ihrem Alltag" von Heike Faller und "Gute Besserung? Studien sagen: Patienten verlassen heute die Krankenhäuser gesünder als noch vor wenigen Jahren. Doch leider hinken die Zahlen der Wirklichkeit hinterher" von Harro Albrecht, beide in: DIE ZEIT, ZEITmagazin, 16.05.2012. Vgl. Sie zum deutschen Gesundheitssystem z. B. den Text Tipps zur Gesundung des Gesundheitssystems.

13 Vgl. Sie zu künstlich inszenierten Wettbewerben in Bereichen, wo es keinen funktionierenden Markt gibt und ein Markt auch wenig sinnvoll ist, z. B. in den Bereichen Wissenschaft, Bildung und Gesundheitswesen, und deren negativen Folgen z. B. das Buch "Sinnlose Wettbewerbe – Warum wir immer mehr Unsinn produzieren" von Mathias Binswanger, Freiburg 2010 (gebunden) und 2012 (Taschenbuch).

14 Vgl. Sie zum skizzierten Wandel der Arbeitswelt in Verwaltungen und im Öffentlichen Dienst z. B. das Buch "Leben im Büro. Die schöne neue Welt der Angestellten" von Christoph Bartmann, München 2012, sowie die Besprechung des Buches – der dieser Text viel verdankt – in dem Artikel "Die Firma ist das Leben, und das Leben die Firma" von Jens Jessen in ZEIT LITERATUR Nr. 12 vom März 2012. Dem gleichen Thema der Manipulation des Menschen im Unternehmensinteresse widmet sich der Dokumentarfilm Work Hard - Play Hard von Carmen Losmann. Lesen Sie dazu z. B. die Besprechung von Joachim Kurz auf kino-zeit.de.

15 In Deutschland werden keineswegs nur klare Gesetzesverstöße abgemahnt, sondern Unternehmen versuchen, mittels Abmahnungen unliebsame Konkurrenz zu verhindern. So erhielt z. B. der Autor eine Abmahnung, weil er auf seiner Website ohne jedes finanzielle Interesse eigene Spiele als Memory-Spiele anbot. Auch das Urheberrecht sollte überdacht werden: Dass man in Deutschland auf seiner Website noch nicht einmal sein eigenes Passfoto veröffentlichen darf, ohne vorher die – am besten schriftliche – Erlaubnis des Fotografen eingeholt zu haben, ist sicherlich eine Gesetzesänderung wert.

16 Vgl. Sie zu Privatisierungen, Staatsbetrieben sowie staatlichen im Vergleich zu privatwirtschaftlichen Leistungen z. B. den Text Brauchen wir Staatsbetriebe?

17 So schreiben z. B. zahlreiche Krankenhäuser und Pflegeheime in kirchlicher Trägerschaft in ihren Hochglanzprospekten für Patienten, zukünftige Patienten und Angehörige sowie in ihren Pflegeleitlinien viel von christlicher Ethik, christlichem Miteinander und Mitmenschlichkeit, nutzen aber in der Praxis die eigenen Mitarbeiter, insbesondere die Krankenschwestern und Pfleger, schamlos aus. Dabei vertrauen sie darauf, dass das Verantwortungsgefühl der Schwestern und Pfleger gegenüber Patienten und Kolleg(inn)en sie daran hindert, sich gegen die ständig steigenden, die Gesundheit ruinierenden Anforderungen zu wehren. Die Folge: Es gibt in vielen Krankenhäusern kaum noch eine Pflegekraft, die älter als 50 Jahre ist und noch Vollzeit arbeitet bzw. Vollzeit arbeiten kann. Das Gehalt ist dann natürlich entsprechend geringer. Freilich geben die Krankenhausbetreiber oft nur den Druck weiter, den sie selbst von den Krankenkassen und letztlich den Politikern erfahren: Wie viel Geld im Gesundheitswesen wofür – z. B. für teure Apparatemedizin oder eine angemessene Pflege – ausgegeben wird, ist schließlich eine politische Entscheidung. Vgl. Sie zum deutschen Gesundheitssystem z. B. den Text Tipps zur Gesundung des Gesundheitssystems.
 

Entstehungsjahr: 2012
 

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